Realität ist wie ein Traum

Montag, März 27, 2006

Vom Glasmädchen im Kaktusgarten

Ich bin ein kleines Mädchen und lebe im Kaktusgarten. Ich bin alleine, weil ich alleine sein will. Einsamkeit wählt man immer. Andere Menschen machen mir Angst, ich bin doch noch viel zu klein für sie, sie saugen mich aus. Aber zum Glück beschützt mich ja mein Kaktusgarten vor ihnen, auch wenn ich mich selbst darin zerreiße.

Ich bin ein kleines Mädchen, ganz aus Glas. Glatt und mit perfekter, makelloser Oberfläche, klar, hart, undurchdringlich und ganz, ganz zerbrechlich. Wer mich hart trifft oder umschubst, der macht mich gleich kaputt. Aber mein Kaktusgarten verhindert, dass mich jemand kaputt machen kann.

Menschen glauben mich zu kennen, weil sie doch durch meine gläserne Haut in mich reinsehen können. Aber gleich darunter habe ich Spiegel aufgestellt, die alle Blicke abhalten und den Schein wahren. Auch meine Augen sind verspiegelt und deswegen scheinen sie so glänzend, schön und ausdrucksvoll zu sein. Irgendjemand anders fühlt für mich, damit ich nicht aus Versehen an meinen eigenen Gefühlen zerbreche. Aber irgendetwas, irgendwer ist irgendwie vor langer, langer Zeit in meine Lunge eingedrungen, hat die Alveolen zerschlagen und jetzt atme ich Glasstaub mit jedem Atemzug und verrecke ganz langsam an dem Blut in meinen Lungen.

Wenn Glas kaputt ist, ist nichts mehr zu machen. So kleine Scherben lassen sich nicht kleben, vor allem dann nicht, wenn man schon gar nicht mehr weiß, wie das heile Bild denn mal auszusehen hatte.

Vielleicht sollte ich noch eine Reihe Kakteen pflanzen, sonst dringt nachher noch einmal jemand oder etwas in mich ein und trifft meinen Magen, was mach ich denn dann? Mein Mund schmeckt doch jetzt schon nach totem Blut.
Mit einer Bruchstelle lässte es sich überleben, aber mit zwei?

Ja, besser wärs, gute Idee, entschuldigt mich, das kleine Glasmädchen muss jetzt gehen und Kakteensaat kaufen.